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Der Coronasommer wird nicht als das Sternjahr der Kulturbranche in die Annalen der Geschichte eingehen. Viele Festivals und Konzerte fanden nicht statt, Kinos blieben zeitweise geschlossen. Drei innovative Formate setzten jedoch alles daran, virenfreies Filmeschauen in großem Stil anzubieten. Eine technische Rück- und Rundumschau. 

Silent Cinema, ein Unternehmen im Eigentum der Innsbrucker Colorphyll Agentur, bespielt diverse Locations in Österreich mit aktuellen Filmen. Stimmen, Musik und Geräusche kommen nicht aus Lautsprechern und Boxen, sondern über Kopfhörer zu den Ohren der Kinobesucher. Foto: Silent Cinema

Der Weg in Österreichs einziges permanentes Autokino führt von Wien über die Donaubrücke nach Stadlau und Aspern, dann erreicht man das niederösterreichische Groß-Enzersdorf und das „Sichere Kino”, das nachdem es 2015 in Konkurs ging, als Österreichs einziges Kino am 15. Mai seine Wiedereröffnung feiern durfte. Zu einer Zeit, in der laut Verordnung, alle regulären Kinos bundesweit geschlossen bleiben mussten. Möglich war diese Ausnahme, weil in Groß-Enzersdorf die Pandemie-Sicherheitsbestimmungen problemlos eingehalten werden können. 

Das bereits 1967 eröffnete Autokino hätte keinen besseren Zeitpunkt für seine Wiedereröffnung wählen können: Viele Kinofans hatten Angst, klassische Lichthäuser zu besuchen. Umso besser also, dass das Autokino mit kontaktlosem und privatem Filmvergnügen in den eigenen „vier Wänden” des Autos wirbt. Ins „sichere Kino" gelangt, wer die Tickets vorab online kauft und bei der Einfahrt den QR-Code ganz kontaktlos durch die Scheibe scannen lässt. Ein Platzeinweiser leuchtet den Weg zu freien Parkplätzen mit unverstellter Sicht auf die Leinwand. Bis zu 1000 Autos finden Platz auf dem Großenzersdorfer Gelände. Die drei Leinwände aus Wellblech, die mit reflektierendem Anstrich versehen sind, stehen in drei Richtungen, die Größte misst über 500 Quadratmeter Leinwandfläche und ist somit die größte Kinoleinwand Österreichs. 

Über 100 Mitarbeiter sind an den Filmabenden im Einsatz um die Autokinobesucher zu verwöhnen. Mit Snacks und Drinks, die kontaktlos über die Getsby App bestellt und von den Serrvicemitarbeitern direkt ans Auto geliefert werden.

Einmal das Radio eingestellt geht es los,mit Werbung und pünktlich mit einem der drei Filme. Für die man sich entschieden hat. Denn, den Ton zum jeweiligen Film empfangen die Autokinobesucher, je nach Film, über eine von drei Frequenzen durch das Autoradio. Damit haben sie volle Kontrolle über die Lautstärke. 

Ein ganz besonderes Erlebnis, das jedoch Herausforderungen birgt: Nicht jedes Auto ist jedoch mit Surround-Technik ausgestattet, bei manchen Autos würde sich zudem das Radio abstellen, sobald das Auto in einen Energiesparmodus verfällt, erklärt Markus Cepuder, Geschäftsführer und kreativer Kopf des Autokinos. Auch Lichtquellen anderer Autofahrer, die den Zündschlüssel drehen und dadurch das Tagfahrlicht einschalten, können das Filmerlebnis beeinträchtigen. Sollte sich der ein oder andere Kinobesucher durch Scheinwerfer gestört fühlen, wissen Cepuder und sein Team jedoch Abhilfe: „Wir bieten Autokinobesuchern ausgeschnittene Molton-Stücke, die sie über die Scheinwerfer legen können.” 

Weniger beeinflussbare Beeinträchtigungen wie der Sonnenuntergang oder Wiens Stadtlichter würden es jedoch niemals möglich machen, qualitätstechnisch in Punkto Bild oder Ton mit klassischen Kinos zu konkurrieren, so Cepuder. „Aber das wollen wir auch nicht. Wir bieten ein ganz besonderes und vor allem sicheres Retro-Kinoerlebnis, mit Fokus auf Service."

Foto: Autokino Wien

 

Funkhörer für Kinovergnügen im Stillen

Den Filmgenuss im Freien genießen, können auch Kinobesucher des „Silent Cinemas” - Orte wie der Welser Stadtplatz, ein Grazer Parkdeck oder der Innsbrucker Marktplatz wurden in diesem Corona-Sommer zum Schauplatz großer Gefühle. Als „einzigartiges Event Kino Konzept” versteht sich das 2015 gegründete Unternehmen von Robert Wolf und Carmen Sommer, das jetzt, in Corona-Zeiten, als eines der wenigen Kinokonzepte sicheren Filmgenuss bietet. Bei „Silent Cinema”-Veranstaltungen können Zuschauer dank Funk-Kopfhörer die Lautstärke des Films selbst bestimmen und mit der Silent Cinema-Software einen Film in zwei verschiedenen Sprachen zur gleichen Zeit abspielen, entweder auf Deutsch oder aber in der Originaldrehsprache. Denn der Kopfhörer empfängt zwei Funkfrequenzen, zwischen denen man beliebig hin- und herschalten kann. Zuschauer können so sowohl im Open-Air-Bereich als auch Indoor direkt am Kopfhörer ihre bevorzugte Sprache wählen, ohne vom Umgebungslärm gestört zu werden. Umgekehrt bekommen auch die Anrainer vom Kinovergnügen der Besucher wenig mit. 

Die Kopfhörertechnologie entspricht jener der Silent Disco. Dabei werden Besuchern kabellose Kopfhörer ausgehändigt, die mit der Musik von mehreren DJs beschallt werden. Das Prinzip ist dasselbe: Bei Silent Disco wie auch bei Silent Cinema soll der Lärm diverser Veranstaltungen reduziert werden. 

Eine Technologie, die großen Anklang findet, so Wolf. Unter den Kunden sind Gemeinden und Städte, aber auch große Unternehmen, die firmeninterne Events anbieten möchten.

Technisch gebe es keine Beschränkungen in Bezug auf die Anzahl der Kinobesucher, aufgrund von Corona mussten die Plätze jedoch limitiert werden, so Wolf: „Wir haben die meisten Orte abstandsbedingt auf 250 Personen limitiert. Je größer und weitläufiger aber die Location, schaffen wir es auch für 500 oder für 1000 Leute zu spielen.” Insgesamt wurden heuer seit 1. Juli bis Mitte September 25 Locations bespielt, darunter das Deck eines Schiffes, das am Bodensee in Bregenz vor Anker lag, zwei Strandbars direkt an der Donau, Parks, oder Altstadtzentren. „Jede Location hat etwas für sich”, sagt Wolf. “Mal spürt man den Sand unter seinen Füßen, ein anderes Mal breitet man sich auf einer Picknickdecke in der Wiese aus, oder aber sitzt mitten in der Stadt, wo Leute vorbeiflanieren. Es ist immer ein besonderes Erlebnis.”

An jedem Spielabend wird eine große Leinwand aus Gummi, Marke: Airscreen, aufgeblasen. Bespielt wird eine Leinwand, die 7x4 Meter misst. „Wir haben auch größere Leinwände, aber für 200-300 Personen sind diese Maße optimal”, so Wolf. 

Das Silent Cinema machte halt in Mariazell. Foto: Silent Cinema

 

Viele Lumen für großes Kino

Als Beamer kommt ein Panasonic DLP Projector mit 20.000 Antilumen zum Einsatz. Während gängige Modelle um die 12-15000 Antilumen besitzen, setzen Wolf und sein Team aufgrund der schwierigeren Bedingungen outdoor auf das stärkere Modell. „Im Openair-Bereich muss man die Dämmerung und den Sonnenuntergang mitbedenken. Da hilft jedes Lumen, um auch im Sommer möglichst früh mit dem Film starten zu können und zu vernünftigen Zeiten wieder nachhause zu kommen.” 

Je nachdem wie sich das Gelände positioniert und wo man die Leinwand befestigen kann, gestaltet sich der Aufbau je nach Location unterschiedlich. „Während wir auf einer Wiese Erdnägel in den Boden schlagen können, müssen wir auf einem Stadtplatz auf Wassertonnen oder Betonsockel zurückgreifen, um die Leinwand zu befestigen. Die Leinwand steht schließlich nicht von alleine.” Auch die Ausrichtung des Beamers sei von der Umgebung abhängig. „Jede Location ist besonders. Wenn wir auf einem Hang stehen müssen, schießt der Beamer von oben in die Leinwand, ansonsten greifen wir auf ein Zwei-Meter-Gestell zurück, auf das wir den Beamer stellen.” Je nach Anfahrtsweg und Geländebeschaffenheit dauert der Aufbau zwei bis drei Stunden, ein- bis anderthalb Stunden werden für den Abbau kalkuliert. Im Schnitt seien bei den Veranstaltungen rund vier Techniker im Dienst.

Das größte Sommerkino Österreichs

Mehr Personal braucht es dann in einem der wohl bekanntesten und größten Sommerkino-Formate Österreichs, am Filmfestival am Rathausplatz. Heuer wurde das Event aufgrund der Corona-Restriktionen anders abgehalten als in den Jahren zuvor. 

„Um mit der behördlich verordneten Maximalzahl an Personen zurecht zu kommen, mussten wir unser Festival in zwei Teile splitten”, erzählt Stefan Mathoi, Projektleiter des Filmfestivals am Rathausplatz. Im Juli waren das im Gastro- und Filmbereich jeweils 500 Besucher, im August, in der Theorie, schon 750 Personen, doch aufgrund der Sicherheitsabstände konnten nicht viele Plätze dazugestellt werden, erzählt Mathoi. Es galt, neu- und umzudenken:

„Dort wo wir normalerweise die Tribüne aufbauen und Raumsimulationen haben, haben wir einige Boxen weggenommen und dafür Dreier- und Vierer-Logen aufgestellt, damit sich die Leute nicht in die Quere kommen.” Die Logen bestanden aus Bereichen mit mehreren Stühlen, Tischen und Pflanzen, das Logengefühl bewirkte ein aufgestelltes und mit Planen abgedecktes Messegitter, das Privatheit simulierte. “So konnten die Leute trotz allem ihren Kinogenuss erleben.” 

Technisch musste in Bezug auf Ton oder Film sonst nichts verändert werden, erzählt Mathoi. Neu hinzu kam ein Registrierungssystem, um in einem Coronafall schnellstmöglich die Behörden informieren zu können und die Infektionskette zurückzuverfolgen: Wer Film schauen oder den Kulinarikbereich nutzen wollte, musste mit Namen, Kontaktmöglichkeit und Adresse registriert werden. Hierfür griff man auf zwei verschiedene Systeme zurück, im Filmbereich wurde die Registrierung über Wienticket abgewickelt, wo Platzkarten reserviert werden konnten. Im Foodbereich kümmerte sich Do & Co um ein entsprechendes Onlinetool.

Was davon in Zukunft beibehalten werden soll? „Im besten Fall, nichts”, antwortet Mathoi schnell. „Vor Corona hatten wir jährlich rund 15.000 Leute, die unser Filmfestival besuchten so oft sie wollen. Diese Freiheit, den freudvollen Zutritt ohne Beschränkungen, wollen wir auch in Zukunft wieder ermöglichen.”

Das Filmfestival am Rathaus fand dieses Jahr in Kojen statt. Foto: Stadt Wien Marketing / Georg Krewenka

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