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Interview mit Erik R. Kastner (OPUS Marketing) über die Lage der Veranstaltungs-Unternehmen, die zur Gründung des AEP - Austria Event Pool führte.

Foto Erik Kastner, OPUS
Erik Kastner ist Optimist, sonst wäre er heuer schon ein paar Mal verzweifelt. Foto: OPUS

Herr Kastner, wie ist die Lage für Ihr Unternehmen derzeit? Wie fühlen Sie sich?
Erik R. Kastner: Danke, ich fühle mich gut, bin gesund und ohne positive Tests durch die COVID-19 Monate gekommen.

 Die Lage für mein Unternehmen ist derzeit angespannt, wie Sie sich sicher vorstellen können. Seit Beginn der Pandemie gibt es keine Aufträge für Veranstaltungsagenturen im üblichen Sinn. Zusammenkünfte sind per Verordnung untersagt. Zwischendurch hat es ein paar Lichtblicke gegeben – Sommer und Frühherbst  - diese wurden jedoch durch die Infektionszahlen wieder zunichte gemacht.

Wie ist die Situation in den Veranstaltungs-Branchen? Welche Akteur*innen leiden unter Lockdowns und Auftrittsbeschränkungen am meisten?

Es ist nicht nur das Geschäft für Veranstaltungsagenturen zusammen gebrochen. Die gesamte Wertschöpfungskette leidet enorm unter den zweifelsohne notwendigen Beschränkungen. Man hätte einige Dinge anders machen können z.B. früher helfen und unterstützen, aber das funktioniert für die Meisten jetzt ganz gut.

Was lief nicht so gut an den Transfers und staatlichen Hilfen, was war gut und richtig?

Die Wertschöpfungskette – wie sie im AEP Austria Event Pool vertreten ist, hätte sich schon viel früher formieren müssen. Weit vor der Pandemie. Das jedoch hat sich – auch durch viele Bemühungen für die Branche durch mich in der Wirtschaftskammer Wien leider nicht gestalten lassen. Die Widerstände und vielleicht auch die Angst – plötzlich zu sehen wie groß und mächtig die gesamte Branche eigentlich ist, hat die Entscheidungsträger leider abgeschreckt.

Was wünschen Sie sich von der Politik für die kommenden Monate?

Was fehlt ist die Perspektive. Die hatten wir kurz in den Sommermonaten, da dachten wir schon, es geht wieder bergauf … aber leider nein. Durch das grenzenlos dumme Verhalten und die Ignoranz vieler hat sich die Epidemiologische Lage so verschlechtert, dass wir den 2. Lock-Down oder noch besser „Knock-Down“ (ich glaube Frau Gürtler hat diesen Begriff erfunden) erleben müssen.

Man nimmt die Veranstalter zu wenig wahr? Fehlt es vielleicht an einem gemeinsamen Vorgehen?

Das verhaltene Auftreten in Punkto Veranstaltungen, das mangelnde Verständnis und die nötige Wertschätzung für unsere Arbeit hat zu Beginn einfach gefehlt. Ich bin viele, viele Kilometer gelaufen – von März bis heute habe ich nahezu 6.000 E-Mails verschickt – um der Branche die nötige Aufmerksamkeit und eine Plattform zu geben. Da gibt es viele Mitstreiter wie z.B. die EMBA (Event Marketing Board Austria), das ACB (Austria Convention Bureau), MA (Messe Austria), die ÖHV (Österreichische Hotelvereinigung) mit ihren jeweiligen Präsidenten und Mitarbeitern, die tatkräftig mitgeholfen haben. Die WKO hat wesentliche Schritte auf den Weg gebracht. Die WKW hat leider gar nichts für die Branche getan – wobei alleine in Wien fast 2.000 Gewerbescheine (von österreichweit nahezu 6.000) in Wien angemeldet sind.

Wie sieht die Zukunft aus? Wird es bald wieder eine „Normalität wie früher“ geben?

Die Hilfen kommen jetzt gut an. Die ersten Versuche, der Branche zu helfen sind kläglich gescheitert. Viel zu kompliziert, viel zu komplex und für viele EPU, Klein- und Kleinstunternehmer leider nicht anwendbar. Die Vorschläge an die Regierung wurden leider  - zumindest in den ersten Monaten – kaum berücksichtigt.

Es war eine große Hilfe, dass ich als Bundesbranchensprecher in der WKO im Jahre 2017 eine Studie beim IHS (Institut für Höhere Studien) über die Wertschöpfung der Branche in Auftrag gegeben habe. Die daraus ersichtlichen Werte (8,9 Milliarden an Wertschöpfung, 144.000 Arbeitsplätze und ein Aufkommen von 3,4 Milliarden an Steuer und Abgaben) waren dann doch recht beachtlich und zeigten auch die Größe der Branche.

Was dazu kommt, ist die Wertschöpfungskette dahinter. Wenn wir das noch dazu rechnen, sprechen wir von 15 Mrd. an Wertschöpfung, 250.000 Arbeitsplätzen und  5,5 Mrd. an Steueraufkommen der gesamten Branche. Daran kam dann auch die Regierung nicht vorbei.

Welche Maßnahmen sind gut angekommen, was ist in den kommenden Monaten wichtig?

Rasche Hilfe (wie z.B. der Umsatzersatz für November und Dezember 2020) ist z.B. ein wirklich gutes Mittel, der Branche und den Beteiligten in der zweiten Reihe zu helfen. Nachschärfungen unter Berücksichtigung von eventuellen Überförderungen wären gut. Das hat sich aber mit der Reduktion auf 50% des Umsatzes für Dezember verbessert.

Ein Wunsch an die Politik ist, dass man die Branche und die Player der Branche nicht als „Festlmacher“ und „Lamperlaufhänger“ wahrnimmt. Es geht dabei um professionelle Arbeit im Bereich der Veranstaltungen. Dem Herrn BM Anschober möchte ich noch mitgeben, dass es nicht nur Kulturveranstaltungen in Österreich gibt, von denen er so leidenschaftlich immer wieder spricht. Die Mehrzahl der Veranstaltungen – die dem Staat Geld bringen und Werbung auf der ganzen Welt für unser schönes Land machen – sind keine „Kulturveranstaltungen“.

Wann gibt es wieder so etwas wie Normalität in den Eventbranchen?

Wenn ich noch einen zweiten Wunsch äußern dürfte, dann wäre es ein Wunsch, mehr auf die Branche zu hören, mit der Branche und Praktikern die nötigen Maßnahmen zu erarbeiten und nicht an den Unternehmerinnen und Unternehmern vorbei zu arbeiten.

Es gilt aber auch Danke zu sagen, denn viele positive Sachen wurden eingeführt, ohne die es viele in der Eventszene gar nicht mehr geben würde. Darunter zu nennen sind die Corona-Kurzarbeit, der Hilfsfonds und die Fixkostenzuschüsse. Darüber hinaus ist der zu erwartende „Ausfallshaftungsfonds“ für die Eventbranche der Lichtblick schlechthin.

Normalität wie früher wird es wieder geben – nur nicht für die Eventbranche. COVID-19 hat die Branche verändert. Und nicht nur die Branche sondern auch die Besucher und die Agenturauftraggeber. Plötzlich ist das Wort „Event-Sicherheit“ in aller Munde. Plötzlich machen sich alle Gedanken über die Umwelt und über die Nachhaltigkeit von Veranstaltungen. Das wäre nie so schnell gekommen.

Impfungen scheinen nun doch bald Realität zu sein, hilft das? Entspannt sich bald alles?
Oder retten uns eher die negativen Testungen vor dem Eintritt ins Theater?

Impfungen werden die Situation sicher entspannen, ja, aber die Veranstaltungsbranche wird sicher erst wieder 2023 zu einer einigermaßen normalen Auftragslage zurück kehren. Dies gilt national sowohl als auch International.

Testungen sind wichtig um „Virenverteiler“ die gar nicht wissen, dass sie das sind, zu identifizieren und entsprechend zu behandeln. Freitesten wäre sicher eine Möglichkeit für Veranstaltungen, erweist sich aber in der Praxis als kostenintensiv und zeitaufwendig.

Was bedeuten „hybride Veranstaltungen“ für die Firmen? Was muss getan werden? Technische Aufrüstung? Know How-Transfers? Neue Geschäftsmodelle?

Wie gesagt, COVID-19 hat die Branche verändert. In Zukunft werden kaum Veranstaltungen stattfinden, die nicht in irgendeiner Weise einen hybriden Touch haben werden. Damit meine ich die digitale Komponente. Der vertraute Händedruck und der Blick in die Augen seines Gegenübers – ohne dazwischenliegenden Bildschirmen und Kameras – lässt sich nicht digitalisieren. Ebenso wenig die Sinnesansprache, ob Olfaktorisch oder Gustatorisch … oder kann mir jemand sagen wie ein „digitales Wienerschnitzel“ riecht oder schmeckt?

Online-Calls, Videoperformances, hybride Messen, Produktvorstellungen in der Halle UND im Web – man erreicht doch plötzlich als Veranstalter ein noch größeres Publikum. Und man braucht Technikerinnen, Visagistinnen, Künstlerinnen und Ton und Licht ...?

Neue Geschäftsmodelle werden bzw. haben sich schon entwickelt. Wobei das Wort neu nicht unbedingt zutreffend ist. Wir in meinem Unternehmen machen hybride Veranstaltungen, also Veranstaltungen mit einem digitalen Teil, schon seit 2006. Da habe wir als eine der ersten Agenturen (Fiat Marea Einführung in Österreich) Liveschaltungen nach Turin ins Werk gemacht und direkt nach Linz ins Design Center übertragen. Seit diesem Zeitpunkt beschäftigen wir uns mit hybriden Veranstaltungsarten und haben entsprechende Erfahrungen. Und das weltweit.

Die Ausrüstung ist durch die Digitalisierung um einiges besser geworden. Ob diese leichter zu bedienen ist, steht auf einem anderen Blatt. Viele, viele Kleinigkeiten und Erfahrungswerte fließen immer wieder in die Veranstaltungen ein. Man lernt nie aus, jedoch können wir bei uns auf eine Mitarbeiterpool zurückgreifen, welches viele Erfahrungen schon gemacht hat und bereits im Vorfeld einige Stolpersteine beiseite räumen kann.

Wird das Ganze nicht in Wirklichkeit auch ein großes neues Arbeitsfeld für viele der Akteurinnen?

Diejenigen die leider von dieser Digitalisierung nicht profitieren sind – wie schon beim „digitalen Wienerschnitzel“ angesprochen – die Catering-Unternehmen. Viele andere Zulieferer der Wertschöpfungskette haben die Möglichkeiten bereits erkannt und sich angepasst und verändert, um auf die neuen Herausforderungen einzugehen.

Zum Schluss noch eine Frage: Brachte das ganze Desaster auch etwas Gutes mit sich?

Hat das COVID-19 Desaster etwas Gutes – eine gute Frage. Meine Meinung dazu betrifft eher weniger den Business Bereich sondern eher den Persönlichkeits-Bereich. Wir werden wieder genügsamer. Wir freuen uns wieder auf Dinge, die vor dem März 2020 gar nicht mehr als gut oder außergewöhnlich wahrgenommen wurden. Dabei geht es um viele Kleinigkeiten, Gesten, Worte, Aktionen auf zwischenmenschlicher Basis. Man kann sich auch – und ich spreche dabei vielleicht auch gegen die Event-Szene – im kleinen Familien- und Freundeskreis unterhalten, miteinander reden und spielen. Ich hoffe, dass dieses Bewusstsein länger anhält.

Wien im Dezember 2020

Zur Person
Erik R. Kastner, MBA ist Gründer und Geschäftsführer der OPUS Marketing GmbH in Wien, die 16 Mitarbeiter in den Bereichen „unique meetings“, „emotional events“, „event media“ und „event coaching“ beschäftigt.
Filialen gibt es in Linz, Salzburg und Graz.

Erik Kastner ist Mitglied bei MPI (Meeting Planners International) und der EMBA (Event Marketing Board Austria), im Vorstand der ISES International Special Event Society und TÜV / WKO zertifizierter Event-Master und vertritt in der Wirtschaftskammer Österreich als Vorsitzender von EVENTNET.AUSTRIA die Branche in Österreich und International.

AEP - Austria Event Pool
Mit der Neugründung des AEP Austria Event Pool im Mai 2020 wurde ein neues Kapitel in der Branchenarbeit (außerhalb der Wirtschaftskammer) aufgeschlagen. Das AEP fasst die gesamte Eventbranche und alle in der Wertschöpfungskette eingebundenen Unternehmen mit ein und bietet eine somit einzigartige und übergenordnete Branchenvertretung.

 

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