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Die alten aber beim Publikum noch immer beliebten Bühnenbilder der Wiener Staatsoper strahlen heute wie vor 60 Jahren. Zu verdanken ist das dem technischen Team des Wiener Traditionshauses.

Die Inszenierung der Tosca aus dem Jahr 1958 zählt zu den ältesten noch gespielten Produktionen der Wiener Staatsoper und feierte im Jahr 2018 die 600. Vorstellung. Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn,

La Boheme, Tosca, der Liebestrank oder die Madame Butterfly - altehrwürdige Produktionen der Wiener Staatsoper, die das Herz der eingefleischten Opernfans höher schlagen lassen. Wenn sich der Vorhang im zweiten Akt der Boheme öffnet und der Blick auf einen belebten Marktplatz inklusive Esel fällt, gibt es auch heute noch, nach über 400 Vorstellungen, Szenenapplaus. Auch die wahrheitsgetreue Nachbildung der Engelsburg in der Wiener Tosca sorgt noch immer für Staunen im Publikum. Viele der so kritischen Stehplatzbesucher waren schon als Kinder in der Staatsoper und haben genau jene Inszenierungen gesehen. Und sie sehen heute nach wie vor, was sie schon seit damals kennen: das wie aus dem  Libretto abgezeichnete italienische Dorf des Liebestranks von Jürgen Rose oder die blühenden Kirschbäume der Madama Butterfly von Tsugouharu Foujita. Manche der Besucher haben gar selbst schon in diesen Produktionen mitgewirkt und sind in denselben Bühnenbildern gestanden, haben als Statisten die Gewehre angelegt oder als Mitglieder des Kinderchores Apfelsaft als Wein von den Tischen der französischen Bistros getrunken.

„Gerade Produktionen wie Butterfly aus dem Jahre 1957 oder der Liebestrank sind Stücke, die immer wieder gespielt, also immer wieder auf- und abgebaut werden. Und dieses Alter sieht man ihnen dadurch auch an”, meint Peter Kozak, technischer Direktor der Wiener Staatsoper. Gemeinsam mit seinem Team kümmert er sich um die Instandhaltung famoser und alter Bühnenbilder. Stücke wie diese sind leicht auf- und abzubauen und eignen sich gerade deshalb optimal als Produktionen für den vielfältigen Repertoirespielbetrieb an der Staatsoper, erzählt er. „Wenn ich bis 12 Uhr zu Mittag im Arsenal in der Werkstatt oder im Lager anrufe, dass sie mir den Liebestrank hereinschicken, habe ich das Bühnenbild um 19 Uhr spielfertig auf der Bühne stehen.”

Bröselnde Stoffe und rissige Prospekte 

Giacomo Puccinis Madame Butterfly (390 Aufführungen in der aktuellen Inszenierung von Josef Gielen aus dem Jahr 1957) und die Tosca aus dem Jahr 1958 (Inszenierung: Margarethe Wallmann, Bühnenbild: Nicola Benois), zählen zu den ältesten noch gespielten Produktionen der Wiener Staatsoper. Die aktuelle Tosca feierte im Jahr 2018 sogar bereits ihre 600. Vorstellung und ist eigens dafür komplett restauriert worden, Teile des Bühnenbildes sind sogar nach Originalplänen nachgebaut worden. Das ist notwendig geworden, da durch das oftmalige Bespielen und das damit verbundene Auf- und Abbauen das Holz mürbe werde, erzählt Kozak.. Die Stoffe der Tapeten oder Rundhorizonte beginnen zu bröseln, die bemalten Prospekte, die oft wunderschöne Landschaftsbilder zeigen, bekommen Risse. Das Bühnenbild verliert dadurch im Laufe der Zeit an Glanz und Strahlkraft. 

Dass die Dekorationen dennoch hochwertig aussehen, ist den AusstattungsassistentInnen zu verdanken. Sie erkennen Schwachstellen im Bühnenbild und kümmern sich um ihre professionelle Beseitigung. Kozak schafft einen anschaulichen Vergleich:  „Kein Auto hält so lange, wie unsere alten Produktionen. Natürlich gibt es Oldtimer, die in die Garage gestellt, gepflegt und anschließend zu Ausstellungen gefahren werden. Aber unsere Dekorationen spielen jeden Abend wie sie damals bei der Premiere auf die Bühne gestellt wurden. Für die gibt es keine Schonung. Im Gegenteil: Sie werden über 600 mal gefahren”.

Wandeln auf geschichtsträchtigen Pfaden

Auch die aktuelle La Boheme-Produktion feierte bereits vor einigen Jahrzehnten, im Jahr 1963, Premiere. Noch heute hört man in den Stehplatzreihen Respektsbekundungen von Besuchern, die bei der Premiere dabei gewesen sein wollen. Die renommierte Premierenbesetzung vereinte Mirella Freni und Giuseppe Taddei. Viele Sängergenerationen sind seitdem durch diese Rollen und somit durch die Dekorationen gegangen. Klingende Namen wie Luciano Pavarotti, Eberhard Wächter oder aus jüngerer Vergangenheit Kristine Opolais. Die heutige Generation schlüpft in ihre Kostüme, tummelt sich am damaligen Marktplatz, am Esel und den apfelsafttrinkenden Kindern von heute vorbei.

Wünsche, alte Bühnenbilder zu restaurieren, kommen vom Direktor persönlich, von den RegieassistentInnen und den TechnikerInnen. Meist dann, wenn der reibungslose Ablauf nicht mehr garantiert werden kann. „Da handelt es sich dann um ganz profane Verbesserungsarbeiten, etwa um eine neue Wand, weil ein Nagel immer an derselben Stelle eingeschlagen wurde”, erklärt Kozak aus der Praxis. Wobei der Zustand der Bühnenteile heute  aufgrund des schonenderen Prozederes besser sei als früher: „Mittlerweile transportieren wir die Bühnenteile auf Paletten, ohne sie großartig auf- oder abzuladen. Früher haben wir die Deko auf der Bühne zerlegt und jedes Teil einzeln in den Anhänger geschoben und ins Lager gefahren. Von dort haben wir sie dann wieder ausgeladen, ins Magazin gestellt und wieder weiter transportiert.”

Gefallene Engel und kaputte Prospekte 

Kleine malerische Ausbesserungsarbeiten, die etwa nach einem Transport notwendig sind, werden direkt auf der Bühne erledigt. Sollten größere Maßnahmen notwendig sein, beschließt der technische Direktor im Team eine Generalsanierung oder den Neubau einzelner Bauteile, die dann wiederum nicht nur in Punkto Holzart oder Verbindungen sondern auch farblich an originale Bühnenteile angepasst werden müssen. Wie bei der Butterfly, die gänzlich neu gebaut werden musste. Man beauftragte Art4Art und lud die Werkstätte ein, sich das Bühnenbild an Ort und Stelle auf der Bühne aufgebaut, zu besichtigen, gemeinsam mit Malern, Schlossern und Bildhauern. Erst nach einer solchen genauen Überprüfung wird ein Kostenvoranschlag gemacht, dieser dem Direktor anschließend vorgelegt, erzählt Kozak. 

Eine Frage des Personals

Es ist eine Detailarbeit: Die meisten Ausbesserungen, erklärt Kozak, können nur händisch erledigt werden. Denn: „Der Dekorationsbau ist ein Prototypenbau. Keine zwei Wände sind gleich.” Manche alte Bühnenbildelemente sind gar so wertvoll, dass sie nicht auseinander gebaut werden. Wie etwa der Engel in “Tosca”, der im letzten Akt von Giacomo Puccinis Oper erscheint. „Wenn wir den Engel zerlegen, kriegen wir den nicht mehr zusammen”, sagt Kozak lachend.

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