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Die Ausstatter schufen für Gioachino Rossinis Oper „Guillaume Tell“ im Theater an der Wien eine offene Bühne, die von verschiebbaren Stahlwänden begrenzt oder von Stahldecken niedriger gemacht werden kann. Ein Blick in die technische Umsetzung.

Der Plafond spielt im Stück „Guillaume Tell“ am Theater an der Wien eine symbolisch wichtige Rolle: Die Ebene, die sich bedrohlich senken konnte, erdrückte das Volk – sowohl sinnbildlich als auch in der gespielten Wirklichkeit. Foto: Moritz Schell

Mit 37 Jahren schrieb Gioachino Rossini seine letzte Oper „Guillaume Tell“, bevor er der Musikwelt weitgehend den Rücken kehrte. Bei dem ernsthaften Werk kämpfen zwei Völker um die Vorherrschaft. Im Zentrum steht Guillaume Tell, der famose Schweizer Armbrustschütze. Um sein Volk vor der Pein durch die Habsburger Besetzer unter Gesler zu schützen, zieht er in den Kampf.

Platz für Imaginationen

Für die Inszenierung am Theater an der Wien holte man sich einen gern und oft gesehenen Gast ans Stagione-Opernhaus: Torsten Fischer. Premiere feierte das Stück im Oktober. Schon zu Beginn war klar: Dieser „Guillaume Tell“ ist ein düsterer. Dem entspricht auch Fischers Ausstattung, die er mit seinem Team auf die Bühne des Theaters an der Wien stellt. Wie man es vom deutschen Regisseur gewohnt ist, lässt er Platz für Imagination. Dunkel und mit viel Stahl. Der Regisseur versucht die Geschichte nicht wuchtig oder gar romantisch in Szene zu setzen. Die Ausstatter Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos schufen eine offene Bühne, die von verschiebbaren Stahlwänden begrenzt oder von Stahldecken niedriger gemacht werden kann. Gerald Stotz war als Konstrukteur und Technischer Planer für diese Produktion zuständig und hat das Projekt von Beginn an bis zur Realisierung auf der Bühne des Theaters an der Wien begleitet: „Bei dieser Produktion lag für uns die Herausforderung besonders bei den beiden fliegenden Stahlbau-Elementen, dem Plafond und dem Steg.“

Symbol der Erniedrigung

Auf dem Plafond fanden wichtige Kampfszenen statt, er spielte aber auch symbolisch eine zentrale Rolle, schließlich wurde durch die Ebene, die sich bedrohlich senken konnte, das Volk sinnbildlich und im ersten Akt schließlich auch in der gespielten Wirklichkeit der Vater Melchthal erdrückt. Die technischen Herausforderungen lagen, so Stotz, vor allem in der Tatsache begründet, dass zwei bis drei Künstler auf dem herabhängenden Plafond szenisch agieren können mussten. Da er bei diesen Szenen nicht auf dem Boden abgesetzt werden sollte, war eine horizontal wirkende (Zwangs-)Führung des gesamten Bauteils notwendig, das mittels eines Schwerlast-Schienensystems der Firma Gerriets (CARGO L) bewerkstelligt wurde. Ein System, das schon einmal im Theater an der Wien zur Anwendung kam, erklärt der Technische Planer: „Dieses System konnten wir aus der abgespielten Produktion ‚Wozzeck‘ aus dem Jahr 2017 ausbauen. Wir haben es für die Wiederverwendung im Grund genommen zweckentfremdet und somit erheblich Kosten gespart.“ Um keine Zwangskräfte in das Schienensystem zu bringen, wurde die Plattform mittels spezieller Gummipuffer („Silentblocks“) elastisch geführt. „Wir haben außerdem die beiden Schienensysteme zusätzlich mittels Laser-Einmessungen ausgerichtet, um eine möglichst parallele Führung zu gewährleisten. Die Führungsschienen waren an beiden Portaltürmen angeriggt“, sagt Stotz.

Technische Schwergewichte

Die zweite stählerne „Hauptrolle“ spielte der Steg. Auf der Hinterbühne platziert diente er szenisch den Habsburgern und ihren Konsorten, um auf- und abzutreten und nicht zuletzt dazu, ihre Macht zu demonstrieren. Im Gegensatz zum Plafond musste der Steg, der im abgefahrenen Zustand beidseitig aufsetzt, eine Nutzlast von ungefähr 20 Personen tragen. Aus diesem Grund kam ein Flaschenzugsystem zum Einsatz. Beide stählernen Elemente, Plafond und Steg, mussten szenisch fliegen. Keine einfache Aufgabe für die Technikabteilung des Theaters – schließlich betrugen die Einzelbauteilgewichte 2,2 t beim Plafond und 1,5 t beim Steg. „Wir mussten die Szenen mit allen acht dem Haus zur Verfügung stehenden Punktzügen verwirklichen“, so Stotz. Diese seien in die hausinterne Zuglattensteuerung eingebunden und somit vorprogrammiert verfahrbar gewesen. „Aufgrund der zahlreichen Verwandlungen war das absolut notwendig.“ Keine Alternative sei es daher gewesen, insbesondere den Plafond mit vier Stück 1 t Kettenzügen zu fahren. „Da unsere Punktzüge jeweils max. ‚nur‘ 500 kg tragen, war es notwendig, beide Elemente mit einem ‚eingescherten‘ Seilsystem zu bewegen, wodurch wir bei halber Geschwindigkeit eine doppelte Hebeleistung haben. Im Prinzip handelt es sich um ein auf dem Kopf stehendes Flaschenzugsystem, welches wir hier einsetzten, um die Aufgabe technisch zu lösen“, weiß Stotz. „Eine weitere statische Besonderheit war, dass für beide stählernen Elemente seitlich zusammengeschweißte Parallelträger notwendig waren, die, um Gewicht zu sparen, in den Formrohrquerschnitten so ‚zart’ wie möglich dimensioniert wurden.“ Gleichzeitig legten die Techniker Wert darauf, diese Profile in einer von der Norm abweichenden Stahllegierung (S355) auszuschreiben, die bei gleichen Wandstärken höhere Tragfähigkeiten bringt, wie Stotz berichtet. Nur so, durch die Kombination von Maßnahmen, sei es möglich gewesen, das Gesamtgewicht der beiden wuchtigen Stahlbauteile möglichst gering zu halten.

Steg mit Führungen komplett (Grundriss). Pläne und Skizzen © Technisches Planungs + Konstruktionsbüro VBW  - Planung: G.Stotz

Führung links (Grundriss). Pläne und Skizzen © Technisches Planungs + Konstruktionsbüro VBW  - Planung: G.Stotz

Detailführung in 3D-Ansicht. Pläne und Skizzen © Technisches Planungs + Konstruktionsbüro VBW  - Planung: G.Stotz

www.theater-wien.at

Von Elisabeth Stuppnig

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