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Die Berliner Bühnen- und Kostümbildnerin Katrin Lea Tag ist heuer vom Magazin Opernwelt zur “Bühnenbildnerin des Jahres” gekürt worden. Mit der Wahlwienerin sprachen wir über Herausforderungen der Branche und ihren Zugang zum Schaffen von Bühnenwelten. 

Für Porgy and Bess am Theater an der Wien schuf Tag eine Welt aus Containern, eine vielseitige Kulisse für Massenszenen. Foto: Monika Rittershause

 Liebe Frau Tag, wie geht es Ihnen in diesen verrückten Zeiten? 

Ich hatte großes Glück mit meiner Planung. Im Schnitt erarbeite ich drei Opernproduktionen pro Jahr. Heuer wurde nur eine Produktion, die die in Glyndebourne hätte stattfinden sollen, auf 2023 verschoben. 

Mit der Herbstproduktion Porgy and Bess im Theater an der Wien hatten Sie demnach Glück

Oh ja. Das Theater an der Wien hat hier unglaubliches in die Wege geleitet und unter größter Kraftanstrengung ermöglicht, dass wir trotz der Pandemie spielen durften - und die Sänger einfliegen lassen konnten. 

Die Produktion war ein riesiger Erfolg. Sie schufen mit dem Regisseur Matthew Wild eine Containersiedlung, die sowohl paralleles Erzählen als auch Raum für Intimität bot. Betrachtet man andere Ihrer Arbeiten schien dies aber keine “typische Tag-Produktion“ zu sein. 

Ich muss vorweg sagen, das “Typische” gibt es bei mir nicht. Bei Porgy and Bess lag die Besonderheit darin, dass ich zum ersten Mal mit dem Regisseur Matthew Wild zusammengearbeitet habe. Wir hatten zunächst einen gänzlich anderen Entwurf, am Ende jedoch hat er sich einen abgeänderten Raum gewünscht, um seine Geschichte zu erzählen. 

Tag arbeitet gerne mit Holz. Im Bild: Das Modell zu “Bassariden” in der Komischen Oper, das an ein antikes Amphitheater erinnern soll. Foto: Katrin Lea Tag

Wo lagen die Herausforderungen in diesem Stück? 

Für die szenische Realisierung herausfordernd war die Tatsache, dass wir auf der Probebühne nur simulieren konnten, was es bedeutet, über mehrere Etagen Container zu betreten und auch wieder zu verlassen. Das war bühnentechnisch aber auch für die Regie eine große Herausforderung. Akustisch war es wichtig, dass die Sänger stets an der vordersten Kante des jeweiligen Containers stehen und direkt in Richtung des Zuschauerraums sangen. Dass ich die Container allesamt aus Holz bauen ließ war aber eine große akustische Stütze.

Wenn man sich Ihre Bühnenbilder ansieht, scheint es als wäre Holz tatsächlich ihr bevorzugtes Material.

Holz ist immer toll. Ob im Grundmodell, wo ich Figurinen und Bühnenbild aus Holz und Pappe modelliere, was beides toll zu bekleben und zu verarbeiten ist, oder in der tatsächlichen Realisierung. Denn Wände aus Holz können super lackiert und lasiert werden. Ich bin niemand, der besonders gerne Effektmaterialien einsetzt. Natürlich verwende ich mal eine Gaze oder Pappmaché, aber sonst halte ich es gerne reduziert. 

Wie auch in ihren Bühnenbildern. Stichwort: Regietheater. Statt große bildhafte Bühnenbilder und klare Verortungen, erlebt man in heutigen Inszenierungen oftmals minimalistische Räume, die Platz lassen für Interpretation. So auch bei einigen Ihrer Produktionen, etwa bei Ihrer Maria Stuarda im Theater an der Wien, deren Geschichte sie in einem Einheitsraum erzählten. Im Mittelpunkt: keine prunkvoll-opulenten Palasträumlichkeiten sondern eine eindrucksvolle Drehscheibe. Was muss ein Bühnenbild ganz prinzipiell für ein Stück leisten? 

Der Raum muss dem entsprechen, was das Stück braucht. Für mich gilt es deshalb immer auf die Suche zu gehen, nach der Essenz eines Stückes. Jeder Bühnenbildner findet etwas anderes an einem Stoff spannend und demnach eine andere Essenz. Ich frage mich bei meiner Arbeit immer: Worauf möchten wir uns konzentrieren? Braucht ein Raum ein extremes Zentrum oder doch Üppigkeit? Ich arbeite sehr gerne assoziativ. Bei Maria Stuarda ging es mir und dem Regisseur darum, das Zentrum der Macht zu zeigen. Die Scheibe in der Mitte des Raumes symbolisierte eine Art Serviertablett - Die beiden Königinnen Maria Stuarda und Elisabetta haben keine Privatheit, sie sind umringt von einem Volk, das sie beobachtet. Außerdem gelangt ihre Welt ins Wanken, der Boden unter ihren Füßen ist nicht stabil. So kam ich auf die Idee der Scheibe, die gefühltermaßen in alle Richtungen schwankte. Ich möchte den Zuschauern Freiraum lassen in ihren Assoziationen, das ist mir wichtig.

Eine Drehscheibe als Symbol für das Zentrum der (schwankenden) Macht: Maria Stuarda im Theater an der Wien. Foto: Monika Rittershaus

Sie arbeiten auch gerne mit Zitaten. Ich denke hier an Ihre “Bassariden” an der Komischen Oper Berlin, für das sie eine Art antikes Theater entworfen haben, einen halbrunden Raum mit Stufen auf denen Chor und Orchester Platz fanden. Oder aber an Ihren Saul in Glyndebourne, für das sie die Barockepoche zitierten. 

Bei Saul haben wir uns auf die Opulenz der Barockzeit konzentriert, aber nicht im Form von reich ausgestatteten Räumen, sondern in Form von tableaux vivants. Die Darsteller selbst wurden Teile eines barocken Stilllebens. Ich habe für ihre Kostüme Farben aus Barockgemälden verwendet und sie so in ganz purer Form eingesetzt, um die Geschichte zu verorten. Dazu brauche ich keine “Rüschen”, bunte Tapeten oder barocke Möbel. Bei den Bassariden habe ich ganz bewusst helle Materialien, konkret helles Sperrholz, verwendet und somit die cremefarbene Optik des Opernhauses aufgenommen. Wir hatten durch die Spiegelung des Zuschauerraumes beinahe eine abstrakte Form. Durch die amphitheatermäßigen Treppen ergab sich eine einzige Auf- und Abtrittsmöglichkeit im hinteren Teil des Bühnenbildes, was wiederum etwas Archaisches hatte. Das alles waren eher Zufälle, die wir zugelassen haben. Ich denke prinzipiell, dass gute Dinge nur dann passieren, wenn man lernt, loszulassen. 

Welches Bühnenbild stellte für Sie im Laufe Ihrer Karriere die größte technische Herausforderung dar? 

Für eine Produktion habe ich “weinende Anzüge” geschaffen. Damit Wasser aus den Figuren fließen konnte, musste ich in den Absätzen der Schuhe Ventile einbauen lassen. Stellten sich die Darsteller dann auf einen bestimmten Punkt auf der Bühne und hakten sich ein, wurde die Wasserschleuse in Gang gesetzt. Hier war ich unglaublich dankbar für die reibungslose Zusammenarbeit zwischen Technik- und Kostümabteilung. Oder ein Bühnenbild, bei dem wie aus dem Nichts Pflanzen aus dem Boden sprossen. Das finde ich am Theater eigentlich am Spannendsten: Wenn auf einer leeren Fläche, Dinge entstehen, die man nicht erwartet und womit man Menschen überraschen kann. Dazu müssen alle Gewerke, von Maske, über Technik und Kostüm, eng zusammenarbeiten. Wenn man dann solch ein Team im Opernhaus hat, das kreatives Arbeiten ermöglicht und wenn es Spezialisten in ihren Fachgebieten gibt, die selbst die vermeintlich verrückteste Idee realisieren können, dann hebt ein Stück so richtig ab.

 

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