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Seit dem Sommerbeginn 2019 trohnt über der Seebühne der Bregenzer Festspiele ein überdimensionaler Clownskopf. Das freundliche Clownsgesicht scheint aus groben Holz geschnitzt zu sein, die Schminke um die großen Augen und auf der roten Clownsnase wirkt schon leicht verwaschen. Von Joachim Hering

Serie: Rigoletto-Kulisse auf der Seebühne Bregenz

Das Festspiel-Werbemotiv für Rigoletto mit einer Collage aus angedeutetem Zirkuszelt, bunten Fähnchen, Clowngesicht mit Rüschenkragen und weiteren Gegenständen gibt bereits jetzt einen phantasievollen Hinweis auf das Bühnenbild-Aussehen. Die ersten Kulissenteile sind im Entstehen.


Die Bühnentechnik hinter dem Clown ist äußerst komplex. Foto: Bregenzer Festspiele

Rechts und links vom darunterliegenden, bunt geringelten Kragen ragen zwei Hände aus dem Bodensee. Die rechte Hand ist leer, die linke jedoch hält einen großen gestreiften und mit Flicken übersähten Ballon.Das Bühnenbild, entworfen von Regisseur Philip Stölzl, dient als Kulisse der Opernproduktion "Rigoletto", die im Rahmen der Bregenzer Festspiele in den Sommern 2019 und 2020 aufgeführt wird. Verdis Oper spielt in Stölzls Inszenierung in einem alten Zirkus. Alles auf der Bühne scheint schon leicht verbogen, verwittert oder verrostet. Doch tatsächlich steckt hinter der Kulisse eine selbst für Bregenzer Verhältnisse außergewöhnlich aufwendige und komplexe Bühnenmaschinerie.

Der Kopf mit der Wippe

Der Kopf, 13,5m vom Kinn zur Schädeldecke, 11,3 m von Ohr zu Ohr und allein 35 Tonnen schwer, besteht aus einer Stahl, Holz- und GFK-Konstruktion. Nach Fertigstellung der Stahl- und Holzkonstruktionen in den Werken der Auftragnehmer wurden diese in einer Halle nahe Bregenz mit Styropor kaschiert und mit Fassadenputz überzogen. Nächtliche Schwertransporte lieferten die einzelnen Teile des Gesichts zum benachbarten Hafen in Hard, von wo aus sie per Schiff zur Seebühne transportiert wurden. Insgesamt fünf Hydraulikzylinder und 14 Elektromotoren sorgen im Kopf für Bewegung: Der Unterkiefer lässt sich über zwei Hydraulikzylinder mit einer Geschwindigkeit von 10°/s und einem maximalen Winkel von 30° öffnen. Die Augenlider schließen durch einen Zahnriemenantrieb elektrisch innerhalb von 1,5 Sekunden. Die beiden Augen sind über je 4 Elektromotoren in alle Richtungen schwenkbar, zusätzlich können die Augäpfel mittels eines elektrischen Spindelantriebs im Schädel zurückgefahren werden, wenn sich das freundliche Clownsgesicht im Laufe der Oper zum Totenkopf wandelt. Der gesamte Kopf kann eine "Ja" und eine "Nein"-Bewegung ausführen. Während ihn vier Elektromotoren ca. 45° in 6,9°/s nach rechts und links drehen, kippt der Kopf durch zwei Hydraulikzylinder mit 4,4°/s auf und ab. Diese "Nickmechanik" ist wiederum an der "Wippe" befestigt. Dieser 35m lange Stahlfachwerkträger hält am vorderen Ende die 35 Tonnen Gewicht des Kopfes, die am anderen Ende durch ein 32 Tonnen Gegengewicht aus Stahlplatten ausgeglichen werden. Über die Wippe, angetrieben durch einen zentralen Hydraulikzylinder lässt den kompletten Kopf hoch in den Nachthimmel heben oder bis zur Oberlippe im Bodenseewasser versinken. Den Kippbereich von 13,5° nach oben und 20° nach unten durchfährt die Wippe mit einer Geschwindigkeit von 1,8°s. Zusätzlich schwenkt die Wippe, gelagert auf einem Krandrehkranz mit 3m Durchmesser, die gesamte Konstruktion von rechts nach links, bzw. von "Lindau" nach "Bregenz", wie es auf der Seebühne heißt.

Alle Bewegungen der über 140 Tonnen schweren Gesamtkonstruktion können computergesteuert und kombiniert miteinander ausgeführt werden. Dadurch entstehen unzählige mögliche Positionen, Winkel und Ausrichtungen des Kopfes. Für die statische Berechnung eine große Herausforderungen, für den Regisseur eine Möglichkeit, dem Kopf einen vielfältigen und nuancierten, lebendigen Ausdruck zu verleihen. Natürlich ist der Kopf zudem begehbar. Bis zu 13 Darsteller, Statisten können auf vier Ebenen im Kopf agieren. Stuntleute klettern auch durch eine Dachluke auf die Schädeldecke, und zeigen dort bei voller Fahrt akrobatische Kunststücke. Da sich einige Techniker für die gesamte Dauer der Oper im Kopf aufhalten, sind im Inneren des Kopfes Sitzbretter an Schaukelseilen eingebaut, auf denen die Darsteller und Techniker auch während extremer Schrägstellungen des Kopfes bequem sitzen können. Um das Verletzungsrisiko bei Fahrten des Kopfes mit Personen zu mindern, wurden viele Konstruktionsteile mit Schaumstoff gepolstert. Personen im Kopf tragen Hüftgurte, über die sie sich stets an der Konstruktion einklinken können um bei abrupten Stopps der Fahrbewegungen nicht zu stolpern. Zwischen den Vorstellungen wird der Fachwerkträger der Wippe auf Stahlstempeln abgesetzt und mit Spanngurten verzurrt. In dieser Position ist das Bauwerk für Stürme bis 130 km/h ausgelegt.

Die Augen sind über je zwei Elektromotoren in alle Richtungen schwenkbar. Foto: Herbert Starmühler

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